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Wenn Corona-Angst dich lähmt

Wenn Corona-Angst dich lähmt

Deine Progredienzangst kann sich durch die Corona-Krise verstärken. Hilfreiche Wege aus dem passiven Angstgefühl.

Was Du erfährst

Die Hälfte aller Menschen mit Krebs leidet unter der Angst davor, dass der Krebs fortschreitet. Fachleute nennen das Progredienzangst. Betroffen sind vor allen Dingen Jüngere. Das beeinträchtigt den Alltag enorm und braucht verhaltenstherapeutische Hilfe.

Warum das wichtig für Dich ist

Die Corona-Krise verunsichert und verstärkt deine Ängste. Umso wichtiger werden jetzt Strategien gegen die Angst.

Was Du jetzt tun kannst

Die Angst darf Dich nicht lähmen:

  • Versuche Deine Ängste zu konkretisieren:
    • Was macht Dir Angst?
    • Ist die Angst realistisch?
    • Was kannst Du tun, um handlungsfähig zu bleiben?
    • Spricht mit anderen über Deine Ängste.
  • Legt die Angst Deinen Alltag lahm, dann suche therapeutische Hilfe. Zum Teil werden Online-Sprechstunden angeboten!

Als Krebspatient wirst Du sie sicherlich kennen: Die Angst vor dem Fortschreiten der Krankheit (die sogenannte Progredienzangst), vor Kontrollverlust, Schmerzen und dem Tod. Du bist vielleicht unsicher, wie Deine Krankheit weiter verläuft, wie schnell sie voranschreitet und ob bzw. wann mit dem Auftreten von Metastasen zu rechnen ist. Wie sollst Du Dein zukünftiges Leben planen, kannst Du überhaupt noch etwas in der Zukunft planen? Vielleicht hat die Angst Dich derart im Griff, dass Du sogar Angst vor dem Zubettgehen, dem nächsten Tag, dem neuen Medikament, der Post hast. All diese Ängste sind in Deiner Situation höchst verständlich und sicher ein Stück weit normal. Denn Du musst Dich mit realen Bedrohungen und Verunsicherungen auseinandersetzen, mit Beeinträchtigungen oder Behinderung.

Wenn die Ängste funktionell sind, also z.B. zu einem gesünderen Lebensstil oder einer besseren Therapietreue führen, ist alles gut. Wenn sie aber Deine Lebensqualität und Sozialkontakte beeinträchtigen, Dich überrollen, wie eine Muräne, Deine Gedanken beherrschen und komplett bei Deinen Alltagsverrichtungen lähmen, dann solltest Du Dir unbedingt Hilfe suchen. „Angst essen Seele auf“? Davor solltest Du Dich schützen. Ängste dürfen keine Krafträuber sein, ganz besonders nicht in Deiner Situation.

Vielleicht tröstet es Dich ein wenig, dass Du mit Deinen Ängsten nicht alleine bist. Etwa 50 % aller Krebspatienten leiden unter derartigen Ängsten, besonders nach der ersten Therapie, wenn sie jünger sind und mehrere körperliche Symptome haben [2]. Daher ist eine psychoonkologische Begleitung von Krebspatienten auch so wichtig. Leider wird sie nur zu wenig angeboten. Mit einer guten Therapie und Betreuung könntest Du aber lernen, die Ängste als subjektives Gefühl anzunehmen, sie zu konkretisieren und mit der Realität abzugleichen und Dir Verhaltensweisen anzueignen, die die Ängste entmystifizieren und -globalisieren. Eine Möglichkeit neben dem Aufsuchen eines Psychoonkologen oder eines Psychotherapeuten ist der Austausch mit anderen Betroffenen.

Eine großangelegte Studie hat nämlich gezeigt, dass verhaltenstherapeutische Gruppensitzungen von 6 Stunden à 90 Minuten längerfristig und sehr deutlich die Angst vor dem Fortschreiten der Krebserkrankung senken können. Das funktioniert natürlich nur, wenn die Patienten aktiv mitwirken und bereit sind, sich ihren Ängsten zu stellen. Die Sitzungen beinhalten, dass die Patienten ihre Ängste analysieren, sie bis zum Ende durchdenken und sich dabei vorstellen, was ihnen schlimmstenfalls passieren könnte. Natürlich ist die direkte Konfrontation mit den Ängsten emotional erst einmal sehr belastend. Trotzdem ist dieser Schritt unumgänglich, um die Ängste bewältigen zu können. Nur wenn Du Deine Ängste „entzauberst“, ihnen also ihren diffusen Schrecken nimmst, kannst Du Strategien zum Umgang mit ihnen lernen. Ein ganz wichtiger Aspekt ist dabei die Selbstfürsorge. Mit dem Feedback und der Anteilnahme der anderen Teilnehmer, Entspannungsmethoden und therapeutischen Hausaufgaben kannst Du lernen, die Gefühle zu verändern und anders mit ihnen umzugehen. So wirst Du die Ängste vielleicht nicht komplett verlieren, aber lernen, konstruktiv mit ihnen umzugehen. Das hat die Studie z.B. beweisen können.

Grundlegende Voraussetzung für eine veränderte Haltung Deinen Ängsten gegenüber ist das regelmäßige Üben und die Bereitschaft, ein vermeidendes Verhalten aufzugeben. Im Falle der Studie mussten die Patienten regelmäßig an den Gruppentherapien teilnehmen und sich ihren Ängsten stellen. Sie mussten die detaillierten Nachfragen des Therapeuten aushalten und ein Angst-Tagebuch führen. Dabei standen konkrete Fragen im Vordergrund, wie z.B.: „Wann treten die Ängste und Sorgen auf?“, „Wie äußern sich die Ängste körperlich, im Verhalten und emotional?“ Und „Was hat Dir im Umgang mit ihnen geholfen bzw. nicht geholfen?“ So lernst Du, den diffusen Ängsten eine konkrete Ausdrucksform zu geben und machst die Erfahrung, dass Vermeidungsverhalten Dir nicht wirklich hilft. Das Sprechen über die Ängste macht sie aushaltbar. Im Idealfall verstärkt die positive Erfahrung, dass Du Dich getraut hast, Dich den Ängsten zu stellen, ein Verhaltensmuster, dass die Ängste entmachtet. Die bewusste Auseinandersetzung mit ihnen und das Zu-Ende-denken der Ängste kann entspannen, eine Neubewertung zulassen und konkrete Ziele und Handlungsoptionen gegen die Angst ermöglichen.

Für die Teilnehmer der Studie hat das Gruppenszenario und die Begleitung durch einen Therapeuten auf jeden Fall durchweg positive Ergebnisse im Umgang mit den Ängsten hervorgebracht.

Was soll Dir das zeigen? Wenn Du unter Progredienzangst, also Angst vor dem Fortschreiten Deiner Krankheit, leidest, dann stelle Dich diesen Ängsten, denke sie bis zu Ende und suche Dir Gleichgesinnte und eine professionelle Begleitung, die Dir helfen können, Deinen Ängsten strategisch zu begegnen und Ressourcen zu aktivieren.

Quellenangaben

  1. Rudolph, B., Wünsch, A., Herschbach, P., & Dinkel, A. (2017). Ambulante verhaltenstherapeutische Gruppentherapie zur Behandlung von Progredienzangst bei Krebspatienten [Cognitive-behavioral group therapy addressing fear of progression in cancer outpatients]. Psychother Psychosom Med Psychol. doi, 10.
  2. Researchgate: Angst bei körperlichen Erkrankungen. Was ist normal, was ist behandlungsbedürftig?, https://www.researchgate.net/publication/278538203_Angst_bei_korperlichen_Erkrankungen_Was_ist_normal_was_ist_behandlungsbedurftig, 15. Juli 2019
  3. Herschbach, P., Book, K., Dinkel, A., Berg, P., Waadt, S., Duran, G., ... & Henrich, G. (2010). Evaluation of two group therapies to reduce fear of progression in cancer patients. Supportive care in cancer, 18(4), 471-479. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19865833, 15. Juli 2019
  4. Herschbach, P., Berg, P., Waadt, S., Duran, G., Engst-Hastreiter, U., Henrich, G., ... & Dinkel, A. (2010). Group psychotherapy of dysfunctional fear of progression in patients with chronic arthritis or cancer. Psychotherapy and Psychosomatics, 79(1), 31-38., https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19887889, 15.07.2019
  5. Bildnachweis: © Melinda Nagy – stock.adobe.com

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