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Hallo Fremde …

Hallo Fremde …

Wenn man nach dem Kampf gegen die Erkrankung nicht mehr weiß wer man ist.

Eine tolle Vorstellung: Du sitzt bei Deinem Arzt, der Dir nach Wochen oder gar monatelanger Behandlung das sagt, worauf Du schon eine gefühlte Ewigkeit wartest – Du bist krebsfrei! Wow, was für großartige Nachrichten! Jetzt kann das Leben da weiter gehen, wo es vor der Erkrankung so abrupt pausiert wurde. Doch ist das wirklich so einfach?

In dem amerikanischen Women’s Health Magazin hat im Mai 2019 die 30-jährige New Yorkerin Beth von ihrem Kampf nach dem Kampf berichtet und davon, dass für sie das Schlimmste erst kam, als sie für krebsfrei erklärt wurde. Beth schildert, dass sich ihre Sicht darauf, was das Schlimmste an ihrer Erkrankung ist, mit der Zeit verändert hat.

Doch was ist denn nun das Schlimmste gewesen? Mit starken Schmerzen ins Krankenhaus zu kommen, ohne die Ursache für den Schmerz zu kennen oder vielleicht die knapp 23cm lange Narbe quer über ihren Bauch? Vielleicht war es auch die Tatsache, dass sie sechs Monate vor ihrer Hochzeit sich nicht damit beschäftigen kann, nach einem wundervollen Hochzeitskleid zu schauen, sondern stattdessen die meiste Zeit in einem Krankenhauskleidchen auf die nächste Operation wartet.

Die New Yorkerin erklärt, dass dies alles Punkte gewesen wären, die sie 2017 direkt nach ihrer Diagnose genannt hätte, wenn es um die Frage ging, was denn nun der schlimmste Teil an ihrer Erkrankung sei. Doch nun zwei Jahre später blickt sie anders auf die Erkrankung und das was sie mit sich gebracht hat.

Für Beth war nach ihrem Bericht das Schlimmste, dass sie sich wie eine Heuchlerin gefühlt hat, als sie wieder in ihr altes Leben zurückgekehrt ist. Sie berichtet, dass sie zwar anerkennen kann, dass die Erkrankung sie belastbarer gemacht hat und dass sie dankbarer für eine gute Gesundheit gemacht hätte, dass dieses gute Gefühl jedoch auch von negativen Gedanken begleitet wurde.

Wie fühlt sie sich heute? Sie beschreibt, dass sich all ihre alten Routinen irgendwie fremd angefühlt haben, dass sie selbst sich fremd fühlt, vor allem wenn sie sich im Spiegel sieht und dort nicht die Beth zurück schaut, die sie vor der Erkrankung war, sondern die mit den Narben von zahlreichen Operationen und nach verschiedenen Medikamenten, welche sie während der Behandlung zu sich nehmen musste. Die Frau, die ihr vom Spiegel aus entgegenschaut, ist die, die sie fortwährend an ihre Erlebnisse erinnert.

Dies alles war ihr während ihrer Behandlung nicht bewusst oder vielmehr ist es einfach ganz weit hinten in ihrem Kopf verschwunden, da sie so viel Ablenkung hatte. Sie hatte gerade ein paar Monate vor der Diagnose einen neuen Job angefangen, zu welchem sie nach einer fünfwöchigen Krankheitspause wieder zurückgekehrt ist und ihrer alten Routine nachgegangen ist.

Sie war abgelenkt durch regelmäßigen Besuch von Freunden und Familie, sowie die regelmäßige Erinnerung auf ihrem Handy, dass sie ihre Medikamente nehmen musste und die Planung ihrer näherkommenden Hochzeit mit allem was dazu gehört. Dies alles sind Dinge, die leichter fallen, als sich mit der lebensbedrohlichen Situation auseinanderzusetzen.

Knapp fünf Monate nach ihrer Diagnose und der ersten Operation hat Beth mitgeteilt, dass die Erkrankung nicht mehr körperlich nachweisbar ist und sie somit als krebsfrei gilt – eineinhalb Wochen vor ihrer Hochzeit im November, was für ein Hochzeitsgeschenk.

Erst als sie von ihrer Hochzeitreise zurück war und sie sich nicht mehr um die Planung der Feier kümmern musste, hat sie dann alles überrollt. Da war sie nun, die existentielle Angst und das volle Ausmaß dessen, was sie körperlich erlebt hatte.

Beth berichtet in dem Artikel, dass sie noch nie so viel Trauer, Wut und Angst empfunden hat – nicht mal während ihrer Behandlung – wie jetzt nach der Behandlung. Sie sagt, sie hatte furchtbare Angst davor, dass, sobald sie sich auch nur ein wenig zu wohl in ihrer Haut fühlt, die Erkrankung zurückkommt und ihr alles nimmt. Dies Angst kennen viele Patienten und es ist auch eine ganz normale Reaktion unserer Psyche auf die Verarbeitung der Belastung. Man nennt dies Progredienzangst.

Diese Angst kam nicht alleine, sie kam zusammen mit der Wut auf ihren Körper und auf ihren Geist und auf ihre Freunde, wenn diese beschäftigt waren, und auf die Welt, weil diese einfach nicht fair ist.

Sie empfand es nach dem was sie erlebt hat unglaublich schwierig, Verständnis für die Alltagsprobleme anderer Menschen aufzubringen, da es sich nicht um lebensbedrohliche Erkrankungen handelte und das, obwohl sie sich eigentlich als einen empathischen Menschen bezeichnen würde. Nicht jeder Betroffene hat Schwierigkeiten damit, Verständnis für Alltagsprobleme aufzubringen, welche tatsächlich im Vergleich zur eigenen Erkrankung gering erscheinen, jedoch gibt es Einige, die den emotionalen Stress nicht abwehren können, weiß man in der Psycho-Onkologie.

Der körperliche Heilungsprozess und die Behandlung an sich kosten jede Menge Kraft und brauchen Energie. Dabei kann es sein, dass die psychische Heilung erst an zweiter Stelle kommt. Beth sagt, dass die Erkrankung sie grundlegend verändert hat und dass sie nun, da sie als krebsfrei gilt, alles, was sie neu gelernt hat, in ihr Leben integrieren muss und dadurch zu einer weiterentwickelten Version ihrer selbst wird.

Um mit dieser Umstellung besser klarzukommen, empfehlen Psychologen Achtsamkeitsübungen oder Meditation in Deinen Alltag zu integrieren oder mit Hilfe einer kognitiven Verhaltenstherapie Deine Sicht auf Deinen Weg mit der Erkrankung umzugestalten und zukünftig die Erkrankung und alles was sie mit sich gebracht hat, als Möglichkeit des Wachstums zu sehen und um stärker aus ihr hervorzugehen. Wachstum ist auch in mentalen Bereichen ein Prozess, der Übung und Zeit braucht. Nimm Dir diese Zeit!

Beth berichtet, dass sie es durch ihre Therapie schafft, sich aktive Auszeiten zu nehmen und sich ins Gedächtnis zu rufen, dass jeder Mensch seine eigenen Probleme hat, so banal diese auch zu sein scheinen. In Momenten, in denen sie sich auf eine Negativspirale zubewegt, nimmt sie sich jetzt Auszeiten von den sozialen Medien und geht ihr persönliches Mantra durch, in dem sie sich sagt, dass jeder irgendetwas durchmacht, also einfach durchatmen, lächeln und freundlich sein. Ihrer Erfahrung nach funktioniert, dies nicht immer einwandfrei, weswegen sie sich manchmal einfach ein wenig selbst bemitleiden und Trübsal blasen muss, aber grundsätzlich fühlt sie sich durch ihre neu erlernte Art zu denken besser. Ihr Ziel ist es, sich auf das positive in ihrem Leben zu konzentrieren und sich erst dann Sorgen zu machen, wenn ihre Ärzte ihr sagen, dass es Grund zur Sorge gebe könnte.

Schlussendlich hat sie erzählt, dass sie nie wieder ein Leben kennen wird, in der die Erkrankung keinen Schatten wirft. Jedoch fühlt sie eine Belastbarkeit, die sie sich selbst ohne die Erkrankung sicher nie zugetraut hätte und ein Vertrauen darauf, mit allem was als nächstes kommt, fertig zu werden.

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