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Blindes Vertrauen – Wie blinde Frauen Brusttumore ertasten

Blindes Vertrauen – Wie blinde Frauen Brusttumore ertasten

"Discovering Hands" bietet Früherkennung durch blinde Tastuntersucherinnen – dies richtet sich auch an Frauen mit Vorerkrankung.

Jennifer ist noch nicht blind. Sie leidet an einer Augenerkrankung, die dafür sorgt, dass ihr Blickwinkel immer enger wird und sie schließlich komplett erblindet. In ihrem Beruf als Medizinisch-Taktile Untersucherin (MTU) im „Discovering Hands-Zentrum Berlin“ ist ihre Erkrankung kein Hindernis, sondern sogar Einstellungsvoraussetzung.

Wenn Du schon mal zum Abtasten beim Frauenarzt warst, weißt Du wahrscheinlich auch: In der Regel bleibt dem Arzt neben dem Gespräch und den anderen gynäkologischen Untersuchungen nur sehr wenig Zeit zum Abtasten der Brust. Das merkte auch der Mülheimer Gynäkologe Frank Hoffmann und machte sich zunehmend Sorgen. Denn: Je früher die Diagnose gestellt wird und je kleiner der Tumor ist, desto besser sind die Heilungschancen. Um sich nicht mehr nur auf seinen eigenen Tastsinn und wenige Minuten Abtasten verlassen zu müssen, kam der Arzt auf die Idee, blinde Frauen zu Tastuntersucherinnen auszubilden. Denn: Blinde können zwar nicht sehen, ihre anderen Sinne sind aber geschärft, auch der Tastsinn.

Aus seiner Idee machte Hoffmann das Unternehmen Discovering Hands. Das Startup bildet blinde und sehbehinderte Frauen zu Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen (MTUs) aus, die im Rahmen der Brustkrebs-Früherkennung bundesweit in immer mehr Frauenarztpraxen eingesetzt werden – und im discovering hands Zentrum Berlin. Einige gesetzliche Krankenkassen und die meisten privaten Versicherer übernehmen die Kosten der Behandlung. Patienten anderer Kassen können das Angebot als Selbstzahler je nach Standort für rund 50 bis 60 Euro in Anspruch nehmen.

Um sich besser orientieren können, klebt Jennifer meine Brust mit buntem Klebeband ab. Zentimeter für Zentimeter tastet sie dann akribisch die Brust ab, bis zur Achselhöhle. Die Prozedur dauert etwa eine halbe Stunde und fühlt sich eigenartig, aber nicht unangenehm an, ein bisschen wie eine Massage. Anders als beim Gynäkologen sitze ich nicht, sondern liege. So bin ich entspannt und die MTU kann das komplette Brustgewebe untersuchen, bis hinunter zum Brustmuskel.

„Unsere MTUs sind in der Lage, Veränderungen ab einer Größe von sechs Millimetern zu erstasten“, sagt Ayfer Türk, Gynäkologin und medizinische Leitung des discovering hands- Zentrum Berlin. Mehrheitlich gingen Patientinnen mit selbst ertasteten Veränderungen zum Arzt. Allerdings seien die Veränderungen dann meist schon deutlich größer, 15 bis 35 mm, so die Frauenärztin. „Es ist nicht Sinn und Zweck der Vorsorge, dass Patientinnen erst mit einem zwei Zentimeter großen Tumor in die Klinik kommen“, sagt Türk. Denn: Je kleiner der Tumor, desto besser sind die Heilungsaussichten.


In Deutschland können sich Frauen ab 30 Jahren einmal im Jahr vom Gynäkologen abtasten lassen – und darüber hinaus darum bitten, dass der Arzt nachprüft, wenn man beim Selbstabtasten eine Veränderung festgestellt hat. Die zusätzliche Mamma-Sonografie, ein Brust-Ultraschall, dürfen Ärzte nur anwenden, wenn sie Auffälligkeiten entdeckt haben, im Regelfall muss die Patientin diese Untersuchung als individuelle Gesundheitsleistung aus eigener Tasche bezahlen. Das gesetzliche Früherkennungsprogramm bietet Frauen zwischen 50 und 69 Jahren zudem alle zwei Jahre eine Mammografie. „Das ist nicht ausreichend“, sagt Discovery Hands Berlin-Leiterin Türk. Zwei Jahre sind ein großer zeitlicher Abstand. In anderen Ländern sei das Screening immerhin über das 70. Lebensjahr hinaus möglich. Das Angebot von Discovering Hands sei eine sinnvolle Ergänzung, keine Alternative zu den bestehenden Angeboten, betont Türk. „Immer wieder kommen Patientinnen, die fragen, ob sie nun auf die Mammografie verzichten können“, so die Ärztin. „Da muss ich als Gynäkologin vehement gegenhalten.“ Stattdessen rät sie Patientinnen dazu, die Tastuntersuchung als jährlich ergänzend in Anspruch zu nehmen. Übrigens sei Früherkennung auch und gerade für Frauen wichtig, die in der Vergangenheit an Brustkrebs erkrankt waren. „Selbst bei Frauen, die sich die Brüste entfernen lassen haben, ist das Neuauftreten eines Tumors an der Brustwand oder in der darüberliegenden Haut möglich“, erklärt Türk.

Der einzig unangenehme Moment ist der, indem die Untersucherin, eine junge und sehr gut gelaunte Frau, plötzlich innehält, man sieht ihr die Konzentration an. Hat sie etwas gefunden? Muss ich mir Sorgen machen? Bin ich krank? Was wird aus meinem Kind? Ich bin doch nur zur Recherche hier und nicht, um festzustellen, dass ich krank bin! – Erstaunlich wie viele Gedanken man sich innerhalb weniger Momente machen kann, wenn plötzlich das Existenziellste, die eigene Gesundheit, infrage steht. Auch nachdem mir die Ärztin versichert hat, dass die Veränderungen in meinem Fall angeschwollene Drüsen sind, steckt mir der Schreck noch in den Knochen – und ich beschließe, künftig gewissenhafter zur Vorsorge zu gehen.


„Wir stellen hier keine Diagnose, sondern liefern nur Befunde, mit der die behandelnden Ärzte dann arbeiten können“, erklärt Frauenärztin Türk. „Diagnose stellen darf nur der Pathologe – außerdem ist nicht jede Veränderung des Brustgewebes automatisch Krebs.“ Wenn sie sich unsicher ist, hat sie ein Ultraschallgerät. Falls sie ernsthaft besorgt ist, erklärt sie den Patientinnen behutsam, dass sie zur weiterführenden Diagnostik zum behandelnden Arzt gehen muss.

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