Erfahrungsbericht: „Hallo Fremde …“

Autor: Jennifer Sahlmann, M.Sc. • Fachliche Prüfung: Dr. Christian Keinki
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Wenn man nach dem Kampf gegen die Erkrankung nicht mehr weiß, wer man ist …

In diesem Erfahrungsbericht erfährst Du:

  • wieso es manchmal schwierig sein kann, mit einer Krebserfahrung zu leben, auch wenn der Tumor weg ist
  • was Progredienzanst ist und wieso Dein Verständnis für Mitmenschen (vorübergehend) weniger werden kann, wenn Du an Krebs erkrankt bist/warst
  • was Du tun kannst, wenn es Dir schwer fällt, zurück in Dein „altes“ Leben zu gehen.

Erfahrungsbericht von Mai 2019, Text am 21.12.2021 aktualisiert.

Eine tolle Vorstellung: Du sitzt in Deiner Praxis, nach Wochen oder gar monatelanger Behandlung hörst Du das, worauf Du schon eine gefühlte Ewigkeit wartest – Du bist krebsfrei! Wow, was für großartige Nachrichten! Jetzt kann das Leben da weiter gehen, wo es vor der Erkrankung so abrupt pausiert wurde. Doch ist das wirklich so einfach?

Ein Erfahrungsbericht: Endlich frei vom Krebs – aber alles ist nicht gut

Ihre Geschichte hat Beth im amerikanischen Women’s Health Magazin im Mai 2019 erzählt. Die 30-jährige New Yorkerin führte einen Kampf nach dem Kampf. Denn: Für sie kam das Schlimmste erst, als sie für krebsfrei erklärt wurde.

Was das Schlimmste an der Erkrankung ist? Die Antwort auf diese Frage hat sich mit der Zeit verändert, schildert Beth.

Beths Krebserfahrung

Was ist für Beth denn das Schlimmste gewesen?
Mit starken Schmerzen ins Krankenhaus zu kommen, ohne die Ursache für den Schmerz zu kennen oder vielleicht die knapp 23cm lange Narbe quer über ihren Bauch?
Vielleicht war es auch die Tatsache, dass sie sechs Monate vor ihrer Hochzeit sich nicht damit beschäftigen kann, nach einem wundervollen Hochzeitskleid zu schauen, sondern stattdessen die meiste Zeit in einem Krankenhauskleidchen auf die nächste Operation wartet.

Die New Yorkerin erklärt, dass dies alles Punkte gewesen wären, die sie 2017 direkt nach ihrer Diagnose genannt hätte, wenn es um die Frage ging, was denn nun der schlimmste Teil an ihrer Erkrankung sei. Zwei Jahre später blickt sie anders auf die Erkrankung und das was sie mit sich gebracht hat.

Die Situation war folgende: Beth führte sich wie eine Heuchlerin, als sie wieder in ihr altes Leben zurückgekehrt ist. Sie berichtet, dass sie zwar anerkennen kann, dass die Erkrankung sie belastbarer gemacht hat und sie dankbarer ist für eine gute Gesundheit. Doch dieses gute Gefühl wurde bei ihr auch von negativen Gedanken begleitet.

Im Spiegel: eine Fremde

Sie beschreibt, dass sich all ihre alten Routinen irgendwie fremd angefühlt haben, dass sie selbst sich fremd fühlt, vor allem wenn sie sich im Spiegel sieht. Dort schaut nicht die Beth zurück, die sie vor der Erkrankung war.

Dort sieht sie eine Beth mit den Narben von zahlreichen Operationen und verschiedenen Medikamenten, an. Die Frau, die ihr vom Spiegel aus entgegenschaut, ist die, die sie fortwährend an ihre Erlebnisse erinnert.

Dies alles war ihr während ihrer Behandlung nicht bewusst oder vielmehr ist es einfach ganz weit hinten in ihrem Kopf verschwunden, da sie so viel Ablenkung hatte.

Ein Rückblick: Welches Leben führte Beth vor und kurz nach der Krebsdiagnose?

Sie hatte gerade ein paar Monate vor der Diagnose einen neuen Job angefangen, zu welchem sie nach einer fünfwöchigen Krankheitspause wieder zurückgekehrt ist und ihrer alten Routine nachgegangen ist.

Sie war abgelenkt durch regelmäßigen Besuch von Freunden und Familie, sowie die regelmäßige Erinnerung auf ihrem Handy, dass sie ihre Medikamente nehmen musste und die Planung ihrer näherkommenden Hochzeit mit allem was dazu gehört. Dies alles sind Dinge, die leichter fallen, als sich mit der lebensbedrohlichen Situation auseinanderzusetzen.

Plötzlich war etwas anders …

Knapp fünf Monate nach ihrer Diagnose und der ersten Operation hat Beth mitgeteilt, dass die Erkrankung nicht mehr körperlich nachweisbar ist und sie somit als krebsfrei gilt – eineinhalb Wochen vor ihrer Hochzeit im November. Was für ein Hochzeitsgeschenk!

Erst als sie von ihrer Hochzeitreise zurück war und sie sich nicht mehr um die Planung der Feier kümmern musste, hat sie dann alles überrollt. Da war sie nun, die existentielle Angst und das volle Ausmaß dessen, was sie körperlich erlebt hatte.

Beth berichtet in dem Artikel, dass sie noch nie so viel Trauer, Wut und Angst empfunden hat – nicht mal während ihrer Behandlung – wie jetzt nach der Behandlung. Sie sagt, sie hatte furchtbare Angst davor, dass, sobald sie sich auch nur ein wenig zu wohl in ihrer Haut fühlt, die Erkrankung zurückkommt und ihr alles nimmt.

Beths Reaktionen sind nicht ungewöhnlich

Dies Angst kennen viele Patienten und es ist auch eine ganz normale Reaktion unserer Psyche auf die Verarbeitung der Belastung. Man nennt dies Progredienzangst.

Diese Angst kam nicht alleine, sie kam zusammen mit der Wut auf ihren Körper und auf ihren Geist und auf ihre Freunde, wenn diese beschäftigt waren, und auf die Welt, weil diese einfach nicht fair ist.

Sie empfand es unglaublich schwierig, Verständnis für die Alltagsprobleme anderer Menschen aufzubringen, da es sich nicht um lebensbedrohliche Erkrankungen handelte und das, obwohl sie sich eigentlich als einen empathischen Menschen bezeichnen würde.

Nicht jede oder jeder Mensch, der Krebs hatte, hat Schwierigkeiten damit, Verständnis für Alltagsprobleme aufzubringen, welche tatsächlich im Vergleich zur eigenen Erkrankung gering erscheinen. Jedoch gibt es Einige, die den emotionalen Stress nicht abwehren können, weiß man in der Psycho-Onkologie.

Warum gibt es solche Reaktionen?

Der körperliche Heilungsprozess und die Behandlung an sich kosten jede Menge Kraft und brauchen Energie. Dabei kann es sein, dass die psychische Heilung erst an zweiter Stelle kommt.

Beth sagt, dass die Erkrankung sie grundlegend verändert hat und dass sie nun, da sie als krebsfrei gilt, alles, was sie neu gelernt hat, in ihr Leben integrieren muss und dadurch zu einer weiterentwickelten Version ihrer selbst wird.

Welche Hilfe Beth für sich gefunden hat

Beth berichtet, dass sie es durch ihre Therapie schafft, sich aktive Auszeiten zu nehmen und sich ins Gedächtnis zu rufen, dass jeder Mensch seine eigenen Probleme hat, so banal diese auch zu sein scheinen.

In Momenten, in denen sie sich auf eine Negativspirale zubewegt, nimmt sie sich jetzt Auszeiten von den sozialen Medien und geht ihr persönliches Mantra durch, in dem sie sich sagt, dass jeder irgendetwas durchmacht, also einfach durchatmen, lächeln und freundlich sein.

Ihrer Erfahrung nach funktioniert dies nicht immer einwandfrei, weswegen sie sich manchmal einfach ein wenig selbst bemitleiden und Trübsal blasen muss, aber grundsätzlich fühlt sie sich durch ihre neu erlernte Art zu denken besser. Ihr Ziel ist es, sich auf das positive in ihrem Leben zu konzentrieren und sich erst dann Sorgen zu machen, wenn ihre Ärzte ihr sagen, dass es Grund zur Sorge gebe könnte.

Schlussendlich hat sie erzählt, dass sie nie wieder ein Leben kennen wird, in der die Erkrankung keinen Schatten wirft. Jedoch fühlt sie eine Belastbarkeit, die sie sich selbst ohne die Erkrankung sicher nie zugetraut hätte und ein Vertrauen darauf, mit allem, was als nächstes kommt, fertig zu werden.

Zusammenfassung

Eine Krebserkrankung ändert alles. Auch dann, wenn die Krebszellen irgendwann erfolgreich zurückgedrängt und nicht mehr im Körper nachweisbar sind. Eine junge Frau aus New York hat die Erfahrung gemacht, dass sie nicht einfach glücklich in ihr Leben vor der Diagnose zurück kann. Neue Gefühle prägen ihren Alltag: Angst und Verständnislosigkeit für ihre Mitmenschen. Sie ist damit nicht allein – eine Angst vor der Rückkehr des Krebs sowie Unverständnis für Alltagsprobleme anderer können bei Menschen nach einer Krebserkrankung auftreten.

Das kannst Du tun, wenn es Dir auch so geht

  • Fachleute aus der Psychologe empfehlen Achtsamkeitsübungen oder Meditation. Integriere sie in Deinen Alltag, um die Umstellung zum „normalen“ Leben nach der Krebserkrankung leichter annehmen zu können.
  • Einer kognitiven Verhaltenstherapie kann Dir helfen, Deine Sicht auf Deinen Weg mit der Erkrankung umzugestalten. So kannst Du zukünftig die Erkrankung – und alles was sie mit sich gebracht hat – als Möglichkeit des Wachstums sehen.
  • Wachstum ist auch in mentalen Bereichen ein Prozess, der Übung und Zeit braucht. Nimm Dir diese Zeit!
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Quellenangaben
  1. Beth Stebner (Mai 2019), After Beating Ovarian Cancer At 30, The Real Battle Began. Zugriff am 14.09.2019 von https://womenshealthmag.com/health/a27408788/ovarian-cancer-treatment-emotional-trauma/
  2. Bildnachweis: © MAK – stock.adobe.com
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