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Die Krebsimpfung als neuer Therapieansatz?

Autor: Dipl. Biol. Esther Witte • Fachliche Prüfung: Dr. Christian Keinki
Lesedauer ca. 7 Minuten

Heute gibt es vielversprechende Ansätze für die Krebsimpfung. Es wird aber noch Jahre der Forschung brauchen, bis sie ein etablierter Therapiebaustein wird.

Wüssten wir es nicht besser, müssten wir dem Krebs zugestehen, dass er wirklich sehr schlau ist. Was immer sich Forscher einfallen lassen, um ihn zu bekämpfen, häufig lernt er mit der Zeit damit umzugehen und trotz Therapie weiter zu wachsen. Hierzu nutzt er beispielsweise Resistenzen, Imitation körpereigener Strukturen, Stoffausschüttung oder Mutation. In der neuartigen Krebsimmuntherapie und therapeutischen Krebsimpfungen aber steckt viel Hoffnung für zukünftige Therapieansätze, da sie sich auf spezifische Strukturen ausrichten lassen. Denn inzwischen hat man herausgefunden, dass Krebstherapien unter Einbeziehung des Immunsystems ganz spezifisch auf eine Krebsart bzw. den Genotyp abgestimmt sein müssen, um möglichst effektiv, aber nebenwirkungsarm zu sein. Unspezifische Therapien bergen dagegen immer das Risiko von überschießenden Immunreaktionen, also mitunter sehr schweren Nebenwirkungen. Aktuell wird auf diesem Gebiet intensiv geforscht. Es gibt bisher vielsprechende Ergebnisse aus ersten kleinen Studien. Allerdings gibt es auch immer wieder Studien, die wegen zu bedrohlicher Nebenwirkungen abgebrochen werden müssen. Es ist auf diesem Gebiet noch viel Forschung nötig [1]. Aber wie genau funktionieren neue Immuntherapien oder die Tumorimpfung?

Die neuesten Krebsimmuntherapien

Unser Immunsystem arbeitet sehr komplex. Es gibt aktuell verschiedene Wege, wie durch moderne Krebsimmuntherapien eine Krebszelle angegriffen werden kann. Unter den vielen Möglichkeiten ist z.B. die Checkpoint-Inhibition eine vielversprechende Strategie: Ihr liegt zugrunde, dass einige Immunzellen bestimmte Oberflächenmoleküle (Checkpoints) tragen, die verhindern, dass das Immunsystem die eigenen, gesunden Zellen angreift. Krebszellen können diese Oberflächenstrukturen imitieren und sich damit sozusagen vor dem Immunsystem verstecken. Außerdem können Krebszellen Signale abgeben, die das Immunsystem beruhigen. Diese Signalstellen werden als Immun-Checkpoints (Immun-Kontrollpunkte) bezeichnet. Wenn man nun als Medikament Checkpoint-Inhibitoren einsetzt, wird das abschwächende Signal der Krebszelle verhindert. Das Immunsystem funktioniert wieder verstärkt und gerät so in die Lage den Tumor zu attackieren. Problematisch ist dabei nur, dass nicht alle Patienten auf die Behandlung ansprechen und die Tumore ständig mutieren. So können sie mit der Zeit den Checkpoint-Inhibitoren entgehen. Leider verursacht diese Art der Therapie auch z.T. schwere Nebenwirkungen, weil das – jetzt hochregulierte – Immunsystem sich auch gegen den eigenen Körper richten kann. Insgesamt ließen sich durch diese neuen Substanzen bei einigen Tumoren jedoch gute Erfolge bei der Tumorkontrolle erzielen [4] [5]. Dennoch ist im Bereich der Checkpoint-Inhibition noch viel Forschung nötig.

Die Angiogenese-Hemmer machen sich zunutze, dass Tumore für ihr starkes Wachstum viel Sauerstoff und Nährstoffe und damit eine ausreichende Blutzufuhr benötigen. Sie basteln sich also sozusagen ihr eigenes Blutversorgungssystem. Wird die Bildung von Blutgefäßen (Angiogenese) dagegen unterbunden, kann der Tumor weniger gut wachsen und sich ausbreiten. Damit der Tumor Gefäße bilden kann, sendet er Wachstumsfaktoren aus. Sie sorgen dafür, dass sich Zellen zu Gefäßzellen spezialisieren, zum Tumor wandern und sich dort zu Blutgefäßen zusammenschließen. Die Angiogenese-Hemmer zielen auf die Wachstumsfaktoren ab und verhindern dadurch die Gefäßbildung des Tumors [3].

Unabhängig davon, welche Methodik im Kampf gegen den Krebs angewendet wird, hängt der Erfolg der Therapie von der Krebsart ab. Während die einen durch die Therapie deutlich länger überleben, ist das Patienten mit einer anderen Krebsart bei gleicher Therapie nur zu einem geringen Prozentsatz vergönnt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich die Tumore auf verschiedene Arten dem Immunsystem entziehen. Während einige Tumore über Botenstoffe die Reifung oder Aktivität der Immunzellen herunterregulieren, stellen andere Tumore Proteine her, die den Tumor als ungefährliche Zelle tarnt. Ob also diese neuen Medikamente eingesetzt werden können, hängt wesentlich von der Tumorart und im individuellen Fall vom Stadium der Erkrankung der Tumorbiologie ab.

So funktioniert die therapeutische Krebsimpfung

Das Prinzip der therapeutischen Krebsimpfung ist das gleiche wie bei herkömmlichen Impfungen: Nur befindet sich im Impfserum als Antigen (das, was das Immunsystem bekämpfen soll) eine spezielle Oberflächenstruktur des Tumors. Das Immunsystem bildet daraufhin Antikörper, die die Struktur am Tumor wiedererkennen und schlussendlich bekämpfen soll. Der Unterschied zwischen bekannten Schutzimpfungen (z.B. Masern) und der therapeutischen Impfung ist, dass die Krebsimpfung keinen Krebs verhindern kann, sondern den Krebs aktiv bekämpfen soll.

Eine Möglichkeit für ein effektives Impfserum wäre, beispielsweise den epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor (EGF) als Antigen zu nutzen. Tumorzellen, die ihn an der Oberfläche tragen, bilden verstärkt Blutgefäße, wachsen schneller und leben länger. Wie gut das Impfserum wirkt, sollen Studien bei Patienten mit kleinzelligem Lungenkarzinom und anderen jetzt zeigen [5].

Man könnte sich auch Viren zunutze machen, die sich im Tumorgewebe schneller vermehren, als im normalen, gesunden Gewebe. Die lokale Vermehrung der Viren führt, zumindest im Labor, zu einer starken Immunreaktion am Ort des Tumors, die letztendlich im Rückgang der Erkrankung und einer längeren Krankheitskontrolle endete. Hierbei weiß man aber bis dato nicht, ob dies so auch beim Menschen funktionieren würde.

Im Allgemeinen lässt sich aber erkennen, dass die therapeutische Krebsimpfung im Prinzip funktionieren müsste. Dass sie funktioniert, konnte durch eine erste kleine Studie bereits bewiesen werden. Nach 25 Monaten waren vier Teilnehmer der Studie immer noch Rezidiv-frei, ohne dass sich schwerwiegende Nebenwirkungen dabei einstellten [6]. Damit ist der Anfang getan. Dennoch befinden sich aktuell alle Verfahren der Krebsimpfung im experimentellen Stadium und werden nur in Studien angewendet.

Quellenangaben
  1. Krebsinformationsdienst. (2015). Checkpoint-Inhibitoren: Wenn das Immunsystem Krebs bekämpft. Abgerufen am 23.03.2021. Verfügbar unter: https://www.krebsinformationsdienst.de/fachkreise/nachrichten/2015/fk7-pd1-hemmer-bei-krebspatienten.php
  2. Deutsche Krebsgellschaft. (2020). Zielgerichtete Erhaltungstherapie bei fortgeschrittenem Eierstockkrebs. Abgerufen am 23.03.2021. Verfügbar unter: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/aktuelle-themen/news/zielgerichtete-erhaltungstherapie-bei-fortgeschrittenem-eierstockkrebs.html, 09.01.2020
  3. The new England journal of medicine, Safety, Activity, and Immune Correlates of Anti–PD-1 Antibody in Cancer, https://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMoa1200690, 28.06.2012
  4. Clinical Trials: CIMAvax Vaccine, Nivolumab, and Pembrolizumab in Treating Patients With Advanced Non-small Cell Lung Cancer or Squamous Head and Neck Cancer, https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT02955290, 26.03.2019
  5. Nature: An immunogenetic personal neoantigen vaccine for patients with melanoma, https://www.nature.com/articles/nature22991.epdf, 13.07.2017
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